Katzen denken nicht in Kilometern

Wer mit einer Katze spazieren geht, stolpert früher oder später über genau diese Frage:


Wie weit „muss“ man eigentlich gehen?


Fünf Minuten? Eine Runde um den Block? Oder fühlt sich alles unter zwanzig Minuten irgendwie… zu wenig an?


Die kurze Antwort:


Diese Frage lässt sich nicht in Metern beantworten.


Und die längere Antwort beginnt dort, wo man nicht auf den Menschen schaut , sondern auf die Katze. Und darauf, wie sie sich draußen bewegt, wenn niemand sie führt.


Was wir von Freigängerkatzen lernen können


Wenn man verstehen will, wie Katzen sich draußen bewegen, lohnt sich ein Blick in die Freigängerforschung. In den letzten Jahren gab es dazu mehrere größere GPS- und Video-Studien unter anderem aus Norwegen, Großbritannien, den USA und internationalen Citizen-Science-Projekten.


Diese Studien beantworten nicht die Frage, wie weit eine Katze „gehen sollte“.


Sie zeigen etwas anderes: wie Katzen ihren Raum tatsächlich nutzen.


Und das ist spannend.


Denn sie zeigen sehr deutlich:


Katzen können viele Stunden draußen verbringen – bewegen sich dabei aber oft nur in kurzen, punktuellen Phasen aktiv.

Die GPS-Daten erfassen dabei nur, wo sich Katzen aufhalten und wie viel sie sich bewegen,  nicht, was sie in diesen Phasen konkret tun. 


Aus verhaltensbiologischer Sicht lässt sich jedoch annehmen, dass diese Zeiten oft mit Wahrnehmen, Beobachten, Orientieren und situativem Entscheiden gefüllt sind.


Viele Katzen bleiben dabei erstaunlich nah am Zuhause. 


In einer norwegischen GPS-Studie mit 92 Katzen verbrachten sie im Schnitt rund 79 % ihrer Outdoor-Zeit im Umkreis von etwa 50 Metern um das eigene Haus. Auch britische Studien zeigen häufig eher kleine Streifgebiete mit klaren Kernbereichen, keine dauerhafte Fortbewegung, sondern punktuelle Bewegung mit vielen Pausen.


Gleichzeitig zeigen diese Studien aber auch:


Nicht alle Katzen verhalten sich so.


Es gibt auch Tiere, die deutlich größere Distanzen zurücklegen, ihre Kernbereiche weiter ausdehnen und viel aktiver unterwegs sind. 


Die Spannweite ist groß von sehr ortsgebunden bis sehr explorativ.


Und genau diese Bandbreite ist für mich der Schlüssel.


Denn sie macht eines deutlich:


Draußen sein“ heißt für Katzen nicht automatisch „weit gehen“.

Zwei Bewegungsstile – meine Einordnung


In der Forschung selbst werden diese Unterschiede nicht als feste „Typen“ benannt. Dort geht es um individuelle Unterschiede in Bewegungsradius, Aktivität, Raumnutzung und Aufenthaltsmustern.


Aus der Gesamtheit dieser Studien und aus meiner eigenen Praxiserfahrung, habe ich für mich zwei wiederkehrende Bewegungsstile ausgemacht. Um sie greifbarer zu machen, nenne ich sie hier einfach:


Resident Cats

So nenne ich Katzen, die überwiegend nah am Zuhause bleiben, viel sitzen, intensiv beobachten und sich nur ungern weit entfernen. Sie wirken oft vorsichtig, reizsensibel und stark ortsgebunden.


Explorer Cats

Damit bezeichne ich Katzen, die größere Distanzen zurücklegen, aktiver unterwegs sind, häufiger den Ort wechseln und ihre Kernbereiche weiter ausdehnen.


Diese Begriffe sind keine wissenschaftlichen Kategorien.


Sie sind meine persönliche Einordnung – eine sprachliche Vereinfachung, um unterschiedliche Bewegungsstile verständlicher zu machen.


Beide Varianten kommen in den Studien vor.

Beide sind biologisch völlig normal.


Und keine davon ist „besser“ oder „richtiger“.

Und was heißt das für Katzen an der Leine?


Für Katzen an der Leine gibt es dazu bislang keine systematischen Studien.


Alles, was ich hier beschreibe, ist keine psychologische Typologie. Es ist eine Übertragung aus der Freigängerforschung, kombiniert mit meinen Praxiserfahrungen und meiner fachlichen Herleitung. Und genau hier wird diese Einordnung für mich besonders greifbar.


Denn bei unseren Spaziergängen zeigt sich das sehr deutlich:


Salem ist ein klarer Explorer. Er läuft gern, bewegt sich viel, möchte weiter, erkundet aktiv.


Phoenix ist eher ein Resident. Er sitzt viel, hört, schaut, bleibt nah und entfernt sich nur ungern.


Beide genießen ihre Spaziergänge.

Nur eben auf sehr unterschiedliche Weise.


Und dieses Muster begegnet mir nicht nur bei meinen eigenen Katzen. In Gesprächen mit vielen Menschen, die mit ihren Katzen spazieren gehen, höre ich immer wieder 

Ähnliches:


Es gibt Katzen, die draußen vor allem sitzen, beobachten und kaum Strecke machen und es gibt andere, die unheimlich aktiv sind, lange Wege mitlaufen, weiterziehen und regelrecht „wandern“ wollen.


Das ist keine wissenschaftliche Einteilung.


Aber es ist ein Muster, das sich in der Praxis immer wieder zeigt.

Warum die Länge kein Maßstab ist


Vor diesem Hintergrund wird klar, warum die Frage nach der „richtigen Länge“ eines Katzenspaziergangs in die Irre führt.


Ein Spaziergang ist nicht dann gut, wenn er lang ist.

Und auch nicht dann, wenn „viel passiert“.


Für Resident Cats können fünf Minuten draußen mit intensivem Wahrnehmen vollkommen ausreichen.


Für Explorer Cats kann dieselbe Zeit gerade erst der Anfang sein.


Entscheidend ist nicht die Strecke.


Sondern, ob die Katze so unterwegs sein darf, wie es zu ihr passt.


Fazit


Studien zu Freigängerkatzen zeigen sehr deutlich:


Katzen bewegen sich draußen nicht nach menschlichen Maßstäben.

Sie folgen keinem Trainingsplan, keiner Strecke, keinem Ziel.


Und genau deshalb ist auch der Katzenspaziergang kein Wettbewerb in Metern oder Minuten.


Die wichtigste Frage lautet nicht:


Wie weit sind wir gegangen?


Sondern:


Durfte meine Katze so unterwegs sein, wie es zu ihr passt?


Alles andere ist zweitrangig.


Quellen & Einordnung


Die folgenden Studien beschäftigen sich mit Bewegungsmustern, Raumnutzung und Aktivitätsphasen von Freigängerkatzen. Sie untersuchen nicht, wie „weit“ eine Katze gehen sollte – sondern, wie sie ihren Raum tatsächlich nutzt.


Aus diesen Arbeiten leite ich meine Einordnung ab.


1. GPS-Studien zu Bewegungsmustern von Freigängerkatzen


Bischof et al. (2022) – Mapping the catscape

GPS-Studie mit 92 Freigängerkatzen in Norwegen.

Zeigt, dass viele Katzen einen sehr kleinen Kernbereich nutzen und einen Großteil ihrer Outdoor-Zeit in unmittelbarer Nähe ihres Zuhauses verbringen.


Jensen et al. (2022) – Bewegungsmuster dänischer Freigängerkatzen

GPS-Tracking von 97 Freigängerkatzen in Dänemark.

Untersucht tägliche Distanzen, Aufenthaltszeiten und Home-Range-Größen und zeigt, wie stark Faktoren wie Alter, Landschaftstyp und Umfeld die Raumnutzung beeinflussen.


Kays et al. (2020) – Global pet cat movement patterns (Cat Tracker Project)

Internationales GPS-Projekt mit mehreren hundert Katzen in verschiedenen Ländern.

Zeigt eine sehr große Spannweite in Bewegungsradien und Aktivitätsmustern – von sehr ortsgebunden bis sehr weitläufig.


2. Aktivitäts- und Verhaltensstudien (Video / Kamera-Tracking)


Loyd et al. (2013) – KittyCam-Studien

Video-gestützte Beobachtungen von Freigängerkatzen aus der Perspektive der Katze.

Diese Arbeiten liefern Einblicke in Verhalten, Aktivitätsphasen und Aufenthaltsmuster, erfassen aber keine klassischen „Spaziergänge“.


3. Ergänzende Arbeiten zur Raumnutzung


Zhang et al. (2022) – Home Range und Aktivitätsmuster

GPS-Tracking freilebender Katzen in einem urbanen Umfeld.

Zeigt erneut die große individuelle Variabilität in Raumnutzung und Aktivität.



Wichtige Einordnung


Die Begriffe „Resident Cats“ und „Explorer Cats“, die ich in diesem Text verwende, stammen nicht aus der wissenschaftlichen Literatur. Sie sind meine eigene, vereinfachende Einordnung – abgeleitet aus diesen Studien, kombiniert mit meiner Praxiserfahrung.


Sie sind keine Typologie, keine Diagnose und keine Kategorie der Forschung, sondern ein Denkmodell, um Unterschiede greifbarer zu machen.


Außerdem gilt:

• GPS-Daten zeigen Bewegung und Raumnutzung, nicht konkrete Wahrnehmung oder Entscheidungen.

• Es gibt bislang keine systematischen Studien zu Katzen an der Leine.

• Aussagen zu Spaziergängen sind daher Übertragungen aus der Freigängerforschung plus Praxiswissen.

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