Schmerzgesicht durch die App? Warum die Feline Grimace Scale nur unter bestimmten Bedingungen funktioniert

Wer sich mit Katzen intensiver beschäftigt,  sei es durch bewusste Alltagsbeobachtung, Training oder einfach, weil man viel Zeit draußen mit ihnen verbringt, der beginnt automatisch, genauer hinzuschauen.


Man achtet plötzlich auf Dinge, die man früher kaum wahrgenommen hat: kleine Veränderungen im Gangbild, wie die Katze sich setzt, wie sie ihren Rücken hält oder wie viel Energie sie an einem bestimmten Tag hat.


Und genau an diesem Punkt landen viele meiner Leser*innen über kurz oder lang bei einer ganz bestimmten Frage:


„Kann ich durch die Feline-Grimace-Scale-App sehen, ob meine Katze Schmerzen hat?“


Denn auf Instagram kursieren ständig Fotos von angeblichen „Schmerzgesichtern“.

Und nicht selten bekomme ich Nachrichten wie:


• „Chrizzy, schau mal, laut App hat Phoenix einen Score von 6!“

• „Bei Salem zeigt die App ein Schmerzgesicht an, stimmt das?“

• „Warum hat die App bei meinen Bildern so hohe Werte?“


Das hat einige verunsichert — und ich kann verstehen, warum.

Wenn man beginnt, sich stärker mit der Körperhaltung und dem Wohlbefinden seiner Katze zu beschäftigen, möchte man natürlich keine Warnsignale übersehen.


Also habe ich mir die Studie hinter der Feline Grimace Scale und die Funktionsweise der App einmal ganz genau angeschaut.


Was die Feline Grimace Scale ist


Die Feline Grimace Scale ist ein wissenschaftlich entwickeltes Instrument, das ursprünglich dafür geschaffen wurde, akute Schmerzen bei Katzen unter streng kontrollierten Bedingungen einzuschätzen. 


Bewertet werden fünf Punkte im Gesicht:

• Ohren

• Augen

• Maulbereich

• Schnurrhaare

• Kopfhaltung


Jede dieser Kategorien wird einzeln eingeschätzt. Das Ergebnis ist ein Gesamtscore, der Hinweise darauf geben soll, ob eine Katze möglicherweise zusätzliche Schmerzbehandlung braucht.


Wichtig ist dabei:


Die FGS wurde unter stark kontrollierten Bedingungen entwickelt: wache, ungestörte Katzen, die gut sichtbar und in einer neutralen Umgebung gefilmt wurden. Für andere Kontexte existiert bislang keine vollständige Validierung.

Die Entwickler’innen haben ihre Daten aus Videoaufnahmen gewonnen, bei denen die Tiere unter ruhigen, berechenbaren Bedingungen gefilmt wurden; ohne Ablenkung, ohne Stress, ohne Interaktion und ohne wechselnde Lichtverhältnisse.


Und: Bisher wurde die FGS nicht systematisch an verschiedenen Kopfform-Typen wie Siam, BKH oder brachycephalen Rassen validiert – die Aussagekraft kann dort also eingeschränkt sein.

Das ist entscheidend für alles, was jetzt kommt.

Warum die FGS entwickelt wurde – und wofür sie gedacht ist


Katzen zeigen Schmerzen oft extrem subtil. Sie jammern selten, sie legen sich nicht klagend hin, sie ziehen sich eher zurück und funktionieren weiter. Für Tierärzt*innen war es daher lange schwierig, objektiv einzuschätzen:


• ob eine Katze Schmerzen hat

• wie stark diese Schmerzen sind

• und ob eine Anpassung der Schmerztherapie notwendig ist


Das Ziel der FGS war also:

• ein standardisiertes, reproduzierbares Werkzeug

• basierend auf messbaren Veränderungen im Gesicht

• das nur akute Schmerzen erfasst

• unter stabilen Bedingungen

• und nicht bei gestressten, sedierten oder abgelenkten Katzen eingesetzt wird


Kurz gesagt:

👉 FGS = klinisches Werkzeug, kein Alltags-Detektor.

Was die FGS nicht leisten kann


Die FGS wurde nie dafür entwickelt oder getestet, um folgende Situationen zu bewerten:


• schlafende Katzen

• dösende, entspannte Katzen

• Katzen, die blinzeln, gähnen oder sich strecken

• einzelne zufällige Alltagsfotos

• Social-Media-Bilder

• Aufnahmen mit schlechtem Licht

• schräge Winkel, verzerrte Perspektiven

• Bilder von draußen

• Katzen in aktiver, reizreicher Umgebung


Die Erfinder*innen der Skala betonen immer wieder sinngemäß:


Die FGS ist dafür gemacht, wache und ungestörte Katzen in einer ruhigen, kontrollierten Umgebung einzuschätzen.

Einzelne Fotos können schnell zu Fehlinterpretationen führen – besonders wenn die Katze gerade ruht oder die Augen nicht vollständig geöffnet hat.


Und: Bis heute existiert keine Studie, die die Anwendung der FGS auf Einzelbilder validiert. Einzelbilder sind wissenschaftlich nicht belastbar.


Damit ist klar:


• Ein Foto einer schlafenden oder halbschlafenden Katze darf nicht bewertet werden.


• Ein zufälliger Schnappschuss reicht nicht aus, um Schmerz zuverlässig zu beurteilen.


• Die App kann Werte anzeigen, die ohne Kontext oder ohne neutrale Aufnahmebedingungen wissenschaftlich nicht zuverlässig eingeordnet werden können.



Warum die App im Alltag so leicht danebenliegt


Damit die FGS korrekt funktioniert, müsste die App Folgendes unterscheiden können:


• döst die Katze?

• blinzelt sie?

• ist sie im Fokusmodus?

• ist sie müde?

• blendet das Licht?

• hört sie ein Geräusch?

• ist sie überfordert?


Aber eine App kennt den Kontext nicht.

Sie sieht nur ein Standbild.

Sie kann nicht erkennen, warum eine Gesichtspartie gerade so aussieht, wie sie aussieht.


Das führt sehr häufig zu falsch-positiven Werten, weil der Kontext fehlt.



Was die FGS misst – und was nicht


Die FGS misst:

• Spannung der Augenlider

• Stellung der Ohren

• Spannung im Maulbereich

• Dynamik der Schnurrhaare

• Position und Haltung des Kopfes


Sie misst NICHT:

• Stress

• Angst

• Müdigkeit

• Jagdfokus

• Geräuschverarbeitung

• Überforderung

• Lichtverhältnisse

• Ruhe- oder Schlafphasen

• allgemeines Wohlbefinden


Diese Zustände können auf einem Foto genauso aussehen wie Schmerz.

Wofür die FGS tatsächlich gedacht ist


Die FGS ist ein Werkzeug, das man nur dann sinnvoll einsetzen kann, wenn es bereits einen realen Hinweis auf Schmerzen gibt:


• bekannte Erkrankungen

• postoperative Phasen

• deutliche Verhaltensänderungen

• Rückzug, verminderte Aktivität, Schonhaltungen


Sie beantwortet nicht die Frage:

„Hat meine Katze Schmerzen?“


Sondern:

 „Wie stark sind die akuten Schmerzen, die wir bereits vermuten?“


Warum Verhalten die wichtigste Informationsquelle bleibt


Katzen zeigen Schmerzen zuerst im Verhalten.

Das ist wissenschaftlicher Konsens und zieht sich durch alle großen Studien.


Typische Signale:

• weniger Bewegung

• Rückzug

• verändertes Fressverhalten

• weniger Putzen

• steifer Gang

• stumpfer Blick


 Verhalten kommt immer vor dem Gesicht.


Deshalb lautet die korrekte Reihenfolge:


  1. Verhalten beobachten
  2. Kontext prüfen
  3. Gesamtbild einschätzen
  4. FGS als Zusatz verwenden – nicht als Ersatz

Wie du die FGS-App sinnvoll nutzen kannst


Sinnvoll bei:

• Nach-OP-Phasen

• bekannten chronischen Erkrankungen

• bereits vermutetem Schmerz

• Verlaufskontrolle über mehrere Tage


Nicht sinnvoll bei:

• Einzelbildern

• Schlafbildern

• Social-Media-Bildern

• Outdoor-Fotos

• Katzen in Aktion


Schritt für Schritt


1. Katze in Ruhe beobachten
2. Neutrales Video oder mehrere Bilder aufnehmen
3. Das neutralste Bild auswählen
4. Score eintragen

5. Verlauf vergleichen – nicht Einzelwerte (am besten mehrmals am Tag – und über längere Zeit möglichst zur gleichen Uhrzeit)


Wie du Werte interpretierst (Meine persönliche Einschätzung)


Warum die FGS besonders bei chronischen Krankheiten sinnvoll ist


Bei chronischen Erkrankungen – etwa Arthrose, degenerativen Gelenkveränderungen oder wiederkehrenden Entzündungen – zeigt die Katze häufig schwankende Schmerzintensitäten.


Auch wenn die FGS ursprünglich zur Einschätzung akuter Schmerzen entwickelt wurde, kann sie bei bekannten chronischen Erkrankungen als ergänzendes Verlaufstool genutzt werden – solange man im Hinterkopf behält, dass ihre wissenschaftliche Validierung für diesen Einsatzbereich noch fehlt.


In solchen Fällen hilft die FGS dabei einzuordnen,

• ob die Schmerztherapie wirkt,

• ob der Schmerz zunimmt,

• und wie sich der Zustand im Verlauf mehrerer Tage verändert.


Trotzdem gilt: Genau dafür braucht es immer Beobachtung über Zeit – nicht ein einziges Foto.


Die FGS ersetzt das Beobachten nicht, sie ergänzt es.

Wenn eine Katze keinerlei Verhaltensänderungen zeigt, liefert die FGS allein praktisch keinen zuverlässigen Erkenntniswert.


Fazit


Die Feline Grimace Scale ist ein wertvolles Werkzeug –

aber nur, wenn man sie so verwendet, wie sie entwickelt wurde.


  •  Sie funktioniert nur bei wachen, entspannten Katzen.
  • Einzelbilder sind für die FGS-Bewertung nicht zuverlässig und eignen sich wissenschaftlich kaum als Grundlage.
  • Trends über mehrere Tage sind entscheidend.


Wer sie richtig nutzt, erkennt Veränderungen früh.

Wer sie auf ein schlafendes Katzenfoto anwendet, bekommt nur Zahlen ohne Bedeutung.




Rechtlicher Hinweis:

Die Feline Grimace Scale ist ein zusätzliches Beobachtungsinstrument und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Meine Einschätzungen stellen keine Diagnose oder medizinische Beratung dar. Bei Verdacht auf Schmerzen, Verschlechterung oder unklaren Symptomen sollte immer eine Tierärztin bzw. ein Tierarzt hinzugezogen werden.




Quellen 


Evangelista et al. (2019): Entwicklung & Validierung der Feline Grimace Scale.

Watanabe et al. (2020): Zuverlässigkeit der FGS unter klinischen Bedingungen.

Merola & Mills (2016): Verhalten als zentraler Schmerzindikator bei Katzen.

Holden et al. (2014): Mimikveränderungen bei akutem Schmerz.

Brondani et al. (2013): Postoperative Schmerzskala für Katzen (UNESP).

Steagall et al. (2022): Chronische Schmerzen – Diagnose & Monitoring.

Evangelista et al. (2023): Grenzen & Einsatzmöglichkeiten der FGS in der Praxis.

Warne et al. (2020): Überblick über aktuelle Methoden der Katzenschmerzerkennung.


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